Was geschieht, wenn der Mensch die Natur sich selbst überlässt? Wo gibt es Konflikte? Wo liegt der Nutzen? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt der Blick in die Kernzonen des UNSECO Biosphärenreservates Pfälzerwald-Nordvogesen, wo sich die Natur ungestörter entwickeln kann. Auf Initiative der Geschäftsstelle des Biosphärenreservats und des Hauses der Nachhaltigkeit von Landesforsten fand in Johanniskreuz in der vergangenen Woche eine Fachtagung zur Bedeutung dieser Schutzzonen statt. Unter dem Motto „Wo sich Natur frei entfaltet“ diskutierten Expertinnen und Experten aktuelle Forschungsprojekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Kernzonen machen im rund 180.000 Hektar umfassenden deutschen Teil des Biosphärenreservats drei Prozent der Fläche aus und verteilen sich auf zwanzig Einzelbereiche, in denen seit Jahren keine wirtschaftliche oder touristische Nutzung mehr stattfindet. Die Kernzone „Quellgebiet der Wieslauter“ ist mit rund 2.400 Hektar die größte dieser Schutzzonen.
„Rheinland-Pfalz ist mit 43 Prozent Waldfläche das waldreichste Bundesland. Der Pfälzerwald spielt hierbei eine besondere Rolle, denn er gehört zu den größten zusammenhängenden Waldnaturräumen Westeuropas. Er schafft ein einmaliges Landschaftsbild. In seinen Kernzonen, in der sich die Natur ohne menschliche Eingriffe eigendynamisch entfaltet, können wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zur natürlichen Waldentwicklung gewonnen werden“, sagte Umwelt- und Forststaatssekretärin Kristina Brixius, die das Fachsymposium in Johanniskreuz mit einem Grußwort eröffnete.
Ulf Hohmann von der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwissenschaft stellte seine Studie zur Entwicklung des Rotwildes in den vergangenen 19 Jahren in und rund um die größte Kernzone des Pfälzerwaldes vor. Dabei zeigte er das komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren auf, die das Verhalten und den Bestand der Tiere beeinflussen. So habe sich, anders als von vielen erwartet, die Population durch das Jagdverbot in der Kernzone keineswegs erhöht. Auch Schäden durch Verbiss hätten weder in der Kernzone noch im Umfeld zugenommen. Schälschäden haben dort abgenommen, wo Störungen im Wald reduziert werden konnten. Die Studien kann man nachlesen unter https://fawf.wald.rlp.de
Um das Wiederansiedlungsprojekt von Luchsen ging es in dem Impulsvortrag von Julian Sandrini vom Koordinationszentrum für Luchs und Wolf (KLUWO). Die Tiere hätten sich gut etabliert, erklärte er und die Akzeptanz für die Beutegreifer sei sehr hoch. Allerdings seien im letzten Jahr mehrerer Jungtiere mit schweren Augenschäden zur Welt gekommen, was möglicherweise auf Inzucht zurückzuführen sei. Um die genetische Vielfalt und Gesundheit der Tiere zu sichern, sollen in den kommenden fünf Jahren weitere Luchse im Pfälzerwald angesiedelt werden. Das Forschungsteam bestimmt die Verwandtschaftsverhältnisse der Tiere im Pfälzerwald durch das systematische Sammeln und Analysieren von Losungen, Haaren und Gewebeproben. 19 Tiere seien aktuell im Pfälzerwald heimisch, berichtete Sandrini. Die Musterung des Fells sei vergleichbar mit dem Fingerabdruck eines Menschen. Daher könne jedes Tier, das in eine Kamerafalle läuft, identifiziert werden. Die Chance, den scheuen Tieren in freier Wildbahn zu begegnen, sei sehr gering.
Ohne forstwirtschaftlich und jagdliche Nutzung entwickelt sich in den Kernzonen der Urwald von morgen. Die Veränderungen geschehen im Verborgenen, sind aber den gleichen Beeinträchtigungen durch den Klimawandel und Luftschadstoffe ausgesetzt, wie der bewirtschaftete Wald. Um Entwicklungen für die breite Öffentlichkeit sichtbar zu machen, entsteht eine Fotodokumentation. Stefanie Ofer vom Biosphärenreservat, die im internationalen, Interreg-geförderten Projekt „Horizont Climatic“ insgesamt 70 Standorte im Biosphärenreservat regelmäßig aufnehmen lässt, zeigte Foto-Standorte aus den Schutzzonen. Im Vorher-Nachher-Vergleich sind die Bilder unter www.horizontclimatic.eu zu sehen. Mit fortschreitender Zeit würden sich die Entwicklungen, positive wie negative, deutlich ablesen lassen, erklärte Ofer. Das Forschungsprojekt ist auf 30 Jahre angelegt und ging 2025 mit ersten Aufnahmen an den Start.
Einen Blick in andere Schutzgebiete gewährte Stefanie Gärtner aus dem Nationalpark Schwarzwald. Sie zeigte anhand der Methodik von Langzeitstudien wie die Entwicklung der Artenvielfalt beobachtet werden kann. Als Beispiele nannte sie Käferarten, die im Totholz leben und Relikte aus der Urzeit sind. Deren Zahlen nehmen im Nationalpark wieder zu. Oder die Verbreitung der zitronengelben Tramete, ein Pilz, der auf der Roten Liste steht und stark gefährdet ist.
Weitere Informationen zum Biosphärenreservat und dem Thema Kernzonen unter www.pfaelzerwald.de
———————-
Quelle Text/Bild:
Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen
(Bezirksverband Pfalz)
Franz-Hartmann-Straße 9
67466 Lambrecht (Pfalz)
www.pfaelzerwald.de
01.10.2026
#kaiserslautern #kaiserslauterngermany #Lautern #nachrichtenkl #ktown #klnews #pfalz #westpfalz #pfalztheater












