Ergebnisse der Studie „Professionelle Krise nach Corona?

Steuerungsbedarf in der Sozialen Arbeit nach der Pandemie (CriCo)“: Beschäftigte an der Belastungsgrenze

Die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit in Rheinland-Pfalz und im Saarland sind am Limit: Das zeigt eine bundesweite Studie von Prof. Dr. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) und Dr. Elke Alsago (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di) zur Arbeitssituation der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit nach Ende der meisten coronabedingten Schutzmaßnahmen.

Im Ergebnis der heute (21. März 2023) vorgestellten Untersuchung zeigen die mehr als 260 befragten Beschäftigten aus der Sozialen Arbeit im Saarland und in Rheinland-Pfalz hohe berufliche Erschöpfungswerte und sehen bereits eine verminderte eigene Leistungsfähigkeit. Betroffen waren hier vor allem Beschäftigte in Kindertagesstätten, Jugendämtern, Beratungsstellen, der Arbeitslosenhilfe, der Jugendgerichtshilfe, der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung, der Ganztagesbetreuung an Schulen, der Sucht-/Drogenhilfe, der sozialpsychiatrischen Dienste, der Schulsozialarbeit, den Einrichtungen für Hilfen zur Erziehung, der Wohnungslosenhilfe sowie der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Entsprechend fühlen sich 61 Prozent der Befragten in Rheinland-Pfalz sowie 67,2 Prozent im Saarland häufig oder sogar sehr häufig an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Die Gründe hängen unmittelbar mit der Corona-Pandemie zusammen. So geben einerseits 52,5 Prozent der Befragten im Saarland sowie 53,2 Prozent in Rheinland-Pfalz an, dass die Nachfrage nach den Angeboten der Sozialen Arbeit seit Beginn der Corona-Pandemie bis heute deutlich angestiegen ist. Und andererseits nehmen 80,9 Prozent der Befragten in Rheinland-Pfalz und 82,4 Prozent im Saarland wahr, dass die Komplexität der Problemlagen bei den bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie vorhandenen Adressaten in dieser Zeit ebenfalls zugenommen hat. Damit verschärft die Corona-Pandemie, durch die gestiegenen Hilfebedarfe, den bereits zuvor herrschenden Personalmangel in der Sozialen Arbeit.



An der unabhängigen Studie nahmen im November 2022 bundesweit über 8.200 Beschäftigte aus den verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit mithilfe eines Online-Fragebogens teil. In der wissenschaftlichen Auswertung zeigt sich nun deutschlandweit ein hohes Burnout-Risiko der Beschäftigten: Über 60 Prozent gehen häufig oder sehr häufig an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. So arbeiten rund 39 Prozent der Befragten regelmäßig drei oder mehr Stunden wöchentlich zusätzlich und über 65 Prozent der Befragten stehen bei ihrer Arbeit unter Zeitdruck. Hier führen die sozialen Folgen der Corona-Pandemie zu einer deutlich steigenden Belastung: Bundesweit nehmen seit Beginn der Corona-Pandemie bis heute 49 Prozent der Befragten eine deutlich gestiegene Nachfrage nach den Angeboten der Sozialen Arbeit wahr. Parallel geben mehr als 82 Prozent der Befragten an, dass die Komplexität der Problemlagen bei den bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie vorhandenen Adressaten in dieser Zeit ebenfalls zugenommen hat. Im Ergebnis gehen aktuell mehr als 77 Prozent der Befragten davon aus, nicht bis zur Rente weiterarbeiten zu können. Die Folgen treffen nicht alleine die bundesweit rund 1,5 Millionen Beschäftigten in der Sozialen Arbeit, sondern auch die mehr als 5 Millionen Menschen, die unmittelbar in den Einrichtungen der Sozialen Arbeit begleitet werden.

Alsago wies darauf hin, dass die Studie für ver.di auch dazu diene, um auf diese problematische Situation aufmerksam zu machen und die Sichtbarkeit der Beschäftigten zu erhöhen, damit sowohl die Not der Beschäftigten als auch der zu unterstützenden Menschen in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen werde. „Die Situation und Belastung in der Sozialen Arbeit hat sich in den letzten Jahren immer weiter zugespitzt. Es ist versäumt worden, entsprechend des Bedarfs Fachkräfte auszubilden und einzustellen und die Angebote mit Beschäftigten und Ressourcen auszustatten. Oft ist das Angebot abhängig von der Finanzkraft der Kommunen. Dies führt zu einer prekären Situation für Beschäftigte und Adressatinnen und Adressaten“, erklärt Volker Euskrichen.

Um diese problematische Situation zu ändern, fordert ver.di einen Schulterschluss von Bund, Ländern und Kommunen und die Bereitstellung finanzieller Mittel für Ausbildung und Studium zukünftiger Fachkräfte, die Verbesserung der Personalschlüssel und sofortige Maßnahmen für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit.

„Fachkräfte zu gewinnen und zu halten, ist auch eine Frage der finanziellen Anerkennung. Hierfür kämpft ver.di in der Tarifrunde für den öffentlichen Dienst. Die Arbeitgeber haben die Möglichkeit, diese Anerkennung zu leisten und in der dritten Verhandlungsrunde ein entsprechendes Angebot vorzulegen“, betont die ver.di-Bundesfachgruppenleiterin.

Quelle Text/Bild:
ver.di Rheinland-Pfalz-Saarland
Münsterplatz 2-6
55116 Mainz

www.verdi.de

Mainz, 20.03.2023